| Georgien
- Land der Gegensätze
Hallo
Schweiz!
Jetzt,
da unser einmonatiger Georgienaufenthalt langsam zu Ende geht, haben
wir
natürlich wieder einiges zu erzählen. Wir haben ein Land kennen
gelernt, das
Gegensätzlicher nicht sein könnte - aber alles der Reihe nach:
Zuerst
verbrachten wir einige Tage in Tbilisi (Hauptstadt) und liessen es uns
gut gehen. Neben der üblichen Besichtigungen besuchten wir das
Tbiliser Jazz-Festival,
hatten zwei Tage ordentlich Probleme mit dem Verdauungsapparat
und
ich liess mich von einem Hund ins Bein beissen.
Wieder
auf den Beinen, war unser erstes Ziel dann natürlich das Schwarze Meer,
das wir wegen dem Ausfall unseres Autos bis jetzt noch nicht gesehen
hatten.
Geplant war ja, von der Türkei her entlang dem Schwarzen Meer nach Georgien
zu
fahren.
Danach
ging's ein erstes Mal in den Kaukasus. In Sovi im Bezirk Ratscha
bezogen wir eine Baracke eines ehemaligen sowjetischen Sanatoriums. Endlich
mal wieder angenehme Temperaturen auf 1800m - und endlich wieder etwas
Bewegung
bei einer Bergtour.
Das
Länderspiel Georgien-Schweiz gewinnen wir 10:7 (besten Dank an
unsere Georgische
Verstärkung...!).
Nach
dem Besuch des Höhlenklosters Dawit Gareja südöstlich von Tbilisi
(in einer einzigartigen
wüsten/steppen-ähnlichen Gegend), einem Georgischen Kochkurs und
dem Besuch
des hiesigen "Ballenberg" wurde unser Programm dann über
den Haufen geworfen:
Thiller hat Grippe und ordentlich Fieber.
Um
der Hitze zu entfliehen ging ich ins Schwimmbad - da kommt man aber
nur mit
einem gesundheitlichen Gutachten rein. Den drei Monate gültigen
Ausweis bekommt man, indem man seine Füsse
zeigt, sowie 5 Franken und ein Passfoto abliefert.
Am
letzten Montag fuhren wir dann in den Nationalpark Lagodechi, ganz
im Osten
Georgiens. Nach einer ersten gemütlichen Wanderung zu einem
Wasserfall traf
das ein, wovor ich mich die ganze Zeit gefürchtet hatte: wir
machten einen
zweitägigen
Ausflug mit Pferden... Trotzdem
hat es mir gefallen. Leider waren fast keine Tiere zu sehen - es
soll Bären, Wölfe, Luchse, Steinböcke, Wildschweine, Gemsen und
Hirsche haben
- die haben aber scheinbar nicht gewusst, das wir kommen.
Das
war's bisher. Heute Abend fahren wir auf der Heeresstrasse nach
Kaspegi (Norden),
morgen steigen wir zu einer Meteostation auf 3600m auf, übermorgen gibt
es einen Viertausender zum Aufwärmen und dann geht's auf den Kaspek,
den
zweithöchsten
Georgier (falls uns da oben die Luft nicht zu dünn wird).
Und
dann verlassen wir Georgien mit dem Nachtzug Richtung Baku
(Aserbaidschan) und
reisen irgendwie weiter gegen Osten.
Noch
ein paar Worte zu den anfangs erwähnten Gegensätzen:
Sehr
gegensätzlich ist schon nur das Land selbst. Schönste Strände am Schwarzen
Meer und zahlreiche Vier- und Fünftausender im Kaukasus, fruchtbare
Gegenden
im ganzen Land und wüsten-/steppenähnliche Gegenden im Südosten, gebirgige
Waldlandschaften (die ans Hasli erinnern) im Norden und eher tropisch
anmutende,
endlos grosse Wälder im Osten.
Auch
die vielbesungene georgische Gastfreundschaft ist voller Gegensätze.
In der
Öffentlichkeit wird gerempelt; sowohl zu Fuss als auch im Strassenverkehr
hat der Stärkere grundsätzlich Vortritt, gegrüsst wird nicht,
man schreit sich
eher an. Ist
man aber bei einer Familie zu Gast, ist alles wie verwandelt. Es
wird alles
getan, damit es dem Gast gut geht, die Frau stellt sich in die Küche
und
die
Männer setzen sich mit dir an den Tisch und das Gelage geht los (böse
Zungen
behaupten, hier wären die Rollen noch richtig verteilt....!?).
Man
"frisst"
sich durch die Georgische Küche (die übrigens ein Wahnsinn ist!!!)
und
es wird
ordentlich gebechert. Glücklicherweise nicht Wodka, sondern Wein.
Aber einfach
so Prost und ab und zu ein Schluck aus dem Glas ist nicht drin. Der Tamada
(der Toastmaster) hält Trinksprüche auf Gott und den Glauben, auf
den Gastgeber
und natürlich auf die Gäste, auf die Abwesenden und an das Andenken
der
aus dem Leben geschiedenen, auf die Frauen (also wenigstens das,
wenn sie
schon
in der Küche stehen müssen) und die Liebe, auf die Kinder und die Alten,
auf die Heimat, die Freundschaft und den Frieden und so weiter und
so weiter...
Und
jedes Mal ein Glas ex! Zum Glück hat man als ausländischer Gast
einen kleinen
Bonus - es wird halbwegs entschuldigt, wenn man nicht jedes Glas leert!
Sowieso
herrschen zwischen öffentlichem und privatem Leben grosse Unterschiede.
Das eigene Haus, das eigene Auto - das ist heilig, dazu wird geschaut,
geputzt,
verbessert und verschönert. Für alles was aber öffentlich ist,
ist niemand
verantwortlich. Stromleitungen, Bewässerungskanäle, Unterführungen,
Strassenlampen
- wenn's kaputt ist, ist's halt so. Auch wenn man eh nichts zu
tun hätte,
geflickt wird nicht's.
Sehr
gegensätzlich ist auch das Modebewusstsein: während sich die
Frauen auch
mit bescheidenen Mitteln herausputzen und sehr eitel sind (will man eine
Gastfamilie
fotografieren, rennt die sechsjährige Tochter genauso vor den Spiegel
wie die 80jährige Babuschka), trägt der Mann meist abgetragene Trainerhosen
und verschwitzte Hemden. Übrigens wiegt der durchschnittliche Georgier
mindestens
120 Kilo - sehr ästhetisch wirkt das vor allem bei Polizisten, die
am Strassenrand
stehen und ihre Ranzen zwischen Hosen und Hemd herausschauen...
So
- das wär's mal wieder. Hoffentlich kam etwas von der Begeisterung
für Georgien
rüber. Ich kann dieses Land wirklich allen empfehlen - wenn man sich
nicht
den Standard einer TUI- und Neckermann-Reise gewohnt ist...
Liebe
Grüsse
Thomas Lüthi
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